Foto: L. Giovanazzi

„ Auf der Suche nach dem Neuen – keine Produktion gleicht der anderen“

Auszug aus unserer Publikation „Zirkus Heute. Neuer Zirkus in Deutschland und seine Companien“

Companie: Atemzug e.V. | Stadt: Köln | Gegründet: 2005 | Stück: Feedback Schleifen (2012) | Sparte: Neuer Zirkus | www.atemzug-ev.de

Auf der Suche nach dem Neuen – keine Produktion gleicht der anderen“

Wie setzt sich Atemzug zusammen?
Atemzug versteht sich als experimentelle Plattform für professionelle Künstler aus ganz verschiedenen Bereichen. Dabei ist ein Ziel des Vereins jungen Artisten und Zirkusschulabsolventen erste Produktionserfahrungen zu ermöglichen. Daher gibt es kein festes Ensemble, sondern es arbeiten immer wieder neue Künstlerkonstellationen für ein Projekt zusammen. Langfristig sollen so junge Künstler aller Bühnensparten zum interdisziplinären und konzeptionellen Arbeiten angeregt werden. Durch die immer wieder neuen Ergebnisse in den Stücken wird das junge Genre „Neuer Zirkus“ künstlerisch weiterentwickelt.

Worum geht es euch?
Atemzug lebt von der Suche nach dem Neuem – keine Produktion gleicht der anderen. Jedem Projekt zu Grunde liegt die Frage, mit welchen Kunstformen die Zirkusartistik eine sinnvolle Symbiose auf der Bühne eingehen kann und wie hierbei die gemeinsame Herangehensweise aussehen kann. Es geht bei den Atemzug-Produktionen weniger auf einer Darstellungsform als vielmehr um das Experimentieren mit den verschiedensten Mitteln.

Wie entwickelt ihr eure Stücke?
Der oder die RegisseurIn entwickelt in enger Absprache und Zusammenarbeit mit dem Performer-Team eine Idee und leitet dann die Proben. Die Form dieser Leitung kann für jedes Projekt sehr unterschiedlich aussehen. Das Atemzug-Organisationsteam versteht sich mehr als „Auge von Außen“, das den künstlerischen Prozess begleitet und unterstützt.

Habt ihr Vorbilder für eure Produktionen?
Ja, das sind vielleicht alle Zirkusproduktionen, in denen die artistischen Techniken sinnstiftend eingesetzt werden oder mit anderen Kunstformen wirklich verschmelzen. Das Labor Cirque Projekt des ZAK Zirkus- und Artistikzentrum war in dem Zusammenhang auch überaus inspirierend.

Habt ihr eine Verbindung zu dem Wort Zirkus?
Einerseits besteht das Atemzug-Kernteam aus Zirkusartisten, teilweise auch ehemaligen Zirkusartisten, andererseits bilden die artistischen Disziplinen den Ausgangspunkt für die kreative Arbeit bei jeder Produktion. Ansonsten hat die Arbeitsweise von Atemzug wenig mit klischeehaften Vorstellungen von Zirkus zu tun und ist eher mit der von Tanz- oder Theatergruppen vergleichbar.

Tauchen euren Produktionen „zirkusspezifische“ Themen auf?
In „FEEDBACK SCHLEIFEN“ gibt es viele Referenzen zu Zirkusthemen und Klischees. Das Stück kreist um genau diese Themen: die Rolle des Zirkusartisten, die Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Publikum und (Zirkus-)Künstler, der Artist, der sich für das Publikum Gefahren aussetzt, seine Erschöpfung, seine Ängste, sein Applaus. Grundsätzlich wird in dem Stück alles enthüllt und entlarvt, bis hin zum Entstehungsprozess des Stücks und den privatesten Seiten der Darsteller. Der Kreis als zirkustypische Form ist z.B. in den Requisiten, den Bewegungsmustern und Raumwegen präsent.

Was war der Ausgangspunkt für eure Recherche?
Bei der Entwicklung der Stückidee drehten wir uns um den Begriff der Aufführung und der Rolle der Performenden Also haben wir uns im Vorhinein mit Performativitätstheorien von Erika Fischer-Lichte und ihrem Begriff der „autopoietischen Feedback Schleife“ auseinandergesetzt und das Ganze auf eine Zirkus-Aufführung übertragen. Abgesehen davon ging es uns darum, das Publikum möglichst vielen Sinnes-Reizen auszusetzen: wir haben uns gefragt, wie man eine Aufführung nicht nur sehen und hören, sondern auch riechen, schmecken und physisch fühlen kann und haben daran mit tänzerischen, artistischen und musikalischen Mitteln geforscht. 

Was plant ihr als nächstes Projekt?
Die nächste Atemzug-Produktion wird sich an der Schnittstelle von Artistik und modernem Musiktheater bewegen, angeregt durch das Forschungsthema Musik und Bewegung vom  letzten „Labor Cirque Research“ in 2014. Geplant ist ein Performer-Team aus klassischen Musikern, Jazzmusikern, Kompositionsstudenten und Artisten. Die Regisseurin ist ausgebildete Geigerin. Die Premiere ist für Sommer 2015 geplant.

Geantwortet hat uns Jenny Patschovsky
Foto: L. Giovanazzi