Circus Next / Neerpelt 2014
foto Andrea Macchia / Festival Mirabilia

„Ich mag diese direkte und instinktive Form von Zirkus“

Auszug aus unserer Publikation: „Zirkus Heute. Neuer Zirkus in Deutschland und seine Companien“

Companie: Julia Christ (Solistin) | Stadt: Berlin | Gegründet: 2014 | Stück: Soulcorner (2014) | Sparte: Zeitgenössischer Zirkus, Tanz, Theater | www.julia-christ.com

„Ich mag diese direkte und instinktive Form von Zirkus. Dieser Ort, wo Tiere und Freaks waren, das inspiriert mich und schafft viel Raum für Möglichkeiten.“

Wie entwickelst du deine Stücke?
Der wichtigste Punkt ist für mich die Idee, von der alles ausgeht und von der ich beginne zu suchen und zu finden.
Im Stück „Soulcorner“ habe ich die Gemeinsamkeit von Boxen und Zirkus erforscht, worin die Begeisterung liegt bei diesen beiden völlig verschiedenen und doch so ähnlichen Formen. Ich habe mich erneut dem Zirkus in seiner Urform zugewandt, der kreisrunden Form, was ebenfalls der Ring im Boxen ist. Es fasziniert mich, die Dinge von 360° aus zu betrachten, sie auf den Kopf zu stellen, dem gewohnten Blick zu entkommen und zu schauen, wie sich die Perspektive verändert.

Wo liegt dein künstlerischer Schwerpunkt?
Der liegt bei meiner Zirkusdisziplin, den Handständen. Der Balance und Nicht-Balance und was dazwischen passiert. Wo geht es hin, wenn ich von den Händen falle und auf die Füße komme. Ausgehend von diesem Punkt kreiere ich Choreographien und Szenen. Ein weiterer Aspekt für mich ist die Disziplin und die Geduld.

Formulierst du Ziele oder Perspektiven für dich?
Einerseits ist es mir ein großes Anliegen, zeitgenössischen Zirkus in Deutschland bekannt zu machen und seine Wertigkeit als Kunstform an sich zu festigen. Andererseits habe ich in diesem Jahr erstmalig das Vergnügen, als Preisträgerin des europäischen Förderprogramms „Circus Next“ ein Stück zu verwirklichen.

Wer oder was hat dich in letzter Zeit in der Kunst beeindruckt?
Johann le Guillerm von Cirque IcI und Jani Nuutinen von Cirque Aereo. Deren Arbeiten haben mich sehr berührt, aufgrund der faszinierenden Sichtweise auf Zirkus – einer ganz eigenen Darstellung und Imagination von Zirkus.

Was ist deine Verbindung zu dem Wort Zirkus?
Zirkus ist ein Ort, an den ich gehe, wo ich etwas sehe, was ich vorher noch nie gesehen habe!

Was war der Ausgangspunkt für dein Stück?
Der Ausgangspunkt meiner Idee zu diesem Stück ist, dass ich als Kind ein großer Muhammad Ali Fan war. Ich habe damals viele Boxkämpfe von ihm gesehen und war begeistert von diesem Athleten sowie von seinem Sport.
2012 hatte ich den Wunsch, ein Solo zu erarbeiten und mein erster Gedanke war: in der Gestalt einer Boxerin. Ein paar Monate später bin ich auf das Buch „On Boxing“ von JC Oates gestoßen, ich war und bin sehr fasziniert von diesem Buch. Es geht um die Zweischneidigkeit dieses Sport, aber auch um den unendlichen Willen der Boxer selbst – über die Zeit im Ring und der enormen langen Präparation vor dem Kampf und über den tiefen Glauben an sich selbst, dass wenn ich in den Ring gehe, gewinnen werde! Zitat: I am the Greatest! Muhammad Ali.

Was genau fesselt dich an diesem Thema?
In „Soulcorner“ versuche ich, die Divergenz der öffentlichen Meinungen zu dieser Disziplin zu erforschen. Boxen ist nicht auf Aggression beschränkt; es ist seltsam schön, emotional fesselnd und absolut physisch. Dieses Solo will die Einsamkeit, die Disziplin und die Atmosphäre des Trainings transkribieren durch das Prisma einer Frau. Unabhängig von der Gewalt dieses Sports, bewegt mich die Präzision, die Strategie und die Konzentration auf den verknüpften Impuls der Bewegung. Boxen als eine Quelle der Faszination und zugleich der Abscheu. Es ist der Lebenswille in purer Form.

 

Geantwortet hat uns Julia Christ
Foto: Andrea Macchia