Foto: Joshua Dyffort

„Wir haben uns verliebt, erst dann haben wir angefangen zusammen zu arbeiten.“

Auszug aus unserer Publikation „Zirkus Heute. Neuer Zirkus in Deutschland und seine Companien“

Companie: stefan sing & cristiana casadio | Stadt: Berlin | Gegründet: 2010 | Stück: Tangram (2010)| Sparte: Jonglage-Tanz-Theater | www.stefansing.com

„Wir haben uns verliebt (mittlerweile sind wir Mann und Frau mit Kind), und erst dann haben wir angefangen, zusammen zu arbeiten.“

Was lag auf eurem Weg zu dem, was ihr jetzt macht?
Cristiana hat als Neunjährige angefangen, rhythmische Sportgymnastik zu betreiben. Nach Internat, Mitglied der Nationalmannschaft und italienischen Meister, wollte sie dann mit 18 Jahren nicht mehr und hat angefangen, Ballett zu studieren. Die nächsten 15 Jahre hat sie in unterschiedlichen neo-klassischen Tanzcompanien in verschiedenen Ländern gearbeitet.
Stefan hat als Zwölfjähriger das Jonglieren entdeckt und seitdem nicht mehr damit aufgehört. Bis auf verschiedene Tanz-Workshops ist er immer Autodidakt geblieben. Jetzt unterrichtet er neben seiner Soloarbeit an fast allen europäischen Artistenschulen und ist fest angestellt an der Artistenschule ESAC in Brüssel. Wir haben uns verliebt (mittlerweile sind wir Mann und Frau mit Kind), und erst dann haben wir angefangen, zusammen zu arbeiten.

Was sind eure Ziele oder Perspektiven?
Konkret: Unser momentanes Stück ist eine Beziehungsgeschichte zwischen Mann und Frau – unser nächstes Stück wird abstrakter sein und vordergründig nicht von der Liebe handeln.
Allgemeiner: Unsere eigene Technik weiterentwickeln, sie persönlicher und ehrlicher werden zu lassen. Die Technik noch eindringlicher als Sprache benutzen. Der „Ehrlichkeit“ kann man sich annähern, sie aber nicht erreichen. Räume in Deutschland schaffen, wo Neuer Zirkus gezeigt werden kann.

Wo seht ihr euren künstlerischen Schwerpunkt?
Wir nennen das Tanzjonglagetheater. Aber auch zu unterhalten und nicht zu experimentell werden, um damit den Bezug zu „normalen“ Menschen nicht zu verlieren; auch Menschen mitnehmen können, die sich nicht mit dem Thema Neuer Zirkus oder der Geschichte des Tanztheaters befassen.

Wie entwickelt ihr eure Stücke?
Unsere erste (und bisher einzige abendfüllende Show) ist einfach entstanden. Wir entwickelten ein zehnminütiges Stück, in welchem wir unsere beiden „Techniken“ miteinander vermengt haben. Ohne uns dessen anfänglich bewusst zu sein, ging es um Liebe. Ausgehend vom Thema der Liebe (bzw. der verschiedenen Stadien einer Beziehung) haben wir peu à peu das Stück auf die Länge von einer Stunde weiter entwickelt.
Wir selber sind die Autoren unseres Stückes, aber wir haben aber auch mit mehreren Personen als „Outside-Eye“ zusammen gearbeitet.

Habt ihr Vorbilder? Wer oder Was hat euch in letzter Zeit in der Kunst beeindruckt?
Cristiana: Sylvie Guillem, Jiří Kylián, William Forsythe
Stefan: Tanztheater im Allgemeinen, Compagnie de fracto (Jonglage), Jean Daniel Fricker (Butoh und Jonglage), der alte Mann im Park

Was ist eure Verbindung zum Zirkus?
Cristiana hatte immer ein sehr trauriges negatives Bild vom Zirkus: schlechte Tierhaltung, Nomadenleben etc. Jetzt im Kontakt mit der Neuen Zirkus-Szene ändert sich das Bild, da es verschiedene Produktionen gibt, die ihr gefallen und überhaupt nichts mit dem alten Bild zu tun haben. Nichtsdestotrotz ist das erste Bild immer noch stark vorhanden.
Stefan fand den Zirkus auch immer blöd. Er hat zwar sehr früh eine Zirkusdisziplin angefangen, aber sich nie wirklich dem Zirkus zugehörig gefühlt. Durch ständiges hineingepresst werden in diese Zuschreibung, benützt Stefan das Wort Neuer Zirkus als Abgrenzung, um damit auszudrücken, dass die Technik nicht Selbstzweck ist (schaut, ich habe lange geübt und jetzt kann ich sieben Bälle jonglieren – ich bin fett, oder?), sondern als eine Sprache, um auf etwas anderes (Emotion/Thema) zu verweisen.
Stefans Art und Weise des Jonglierens, hatten noch nie etwas mit den Zirkusgesetzen zu tun. Es ging nie um die Schwierigkeiten der Tricks, sondern um Energieformen, Dynamiken und Räume. Allerdings will Stefan, wie oben schon erwähnt, nicht provozieren oder unverständlich sein – vielleicht gibt es da doch eine gewisse Affinität zum alten Zirkus?

Geantwortet haben uns Cristiana Casadio und Stefan Sing
Foto: Joshua Dyffort